Das Anspruchsgruppenmanagement bei Existenzgründungen durch Unternehmensnachfolge - Ermittlung eines konzeptionellen Ansatzes für eine prozessbegleitende Beratung - Carsten Wille

Abstract

 

Die Arbeit versucht sich dem Problemfeld von Nachfolgeregelungen bei kleinen und mittleren Familienunternehmen zu nähern, in dem sie die Aufgaben, insbesondere des Existenzgründers, aber letztlich auch des Übergebers im Nachfolgeprozess über die mit dem Unternehmen verbundenen Anspruchsgruppen zu identifizieren versucht. Dabei werden zunächst die Bedeutung der betrachteten Unternehmenstypen, sowie die relevanten Formen der Nachfolge herausgearbeitet und ein Prozessmodell entwickelt, bevor die Ziele von Anspruchsgruppen theoretischer herausgearbeitet und auf ihre empirische Evidenz hin untersucht werden. Schlussendlich wird aus diesen möglichen Ansprüchen, in Kombination mit dem Prozessmodell ein Beratungsansatz erarbeitet.

 

Die Bedeutung von KMU und Familienunternehmen für das Problemfeld ergibt sich allein schon aus ihrer zahlenmäßigen Dominanz in der deutschen und auch der europäischen Wirtschaft. Dabei lassen sich drei Formen der Nachfolgeexistenzgründung identifizieren: familieninterne Nachfolge, Kauf der Unternehmung durch einen aus dem Untenehmen stammenden Existenzgründer und Unternehmenskauf durch einen unternehmensexternen Gründer.

 

Bei der Übernahme einer bestehenden Unternehmung durch einen Existenzgründer kommt es zum zeitweilig parallelen Verlauf von zwei Prozessen. Zum einen dem Existenzgründungsprozess und zum anderen dem durch einen Übergeber eingeleiteten Nachfolgeprozess. Dabei finden sich jeweils die Prozessphasen Initialisierung, Planung, Durchführung und abschließend, nur für den Existenzgründungsprozess, die Bewährungsphase. In diesen Phasen treten verschiedene Aufgaben für den Übergeber und den Existenzgründer zu Tage, deren Adressaten oder Auslöser die verschiedenen Anspruchsgruppen sind.

 

Zur Erklärung von Anspruchsgruppen und ihrer Bedeutung wird der Stakeholderansatz gewählt, auf dessen Basis die möglichen Anspruchsgruppentypen Alteigentümer, Kreditgeber, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Familie und Staat, untersucht werden. Ihre Ansprüche an den Existenzgründer bzw. an das Unternehmen im Prozess sind dabei sehr vielfältig und reichen von eher wirtschaftlichen Überlegungen bis hin zu sozio-emotional motivierten Zielen. Die für diese Arbeit durchgeführte qualitative Befragung von Nachfolgeexistenzgründern, die in der Hauptsache aus Übergeberfamilien stammten, konnte dabei die theoretischen Überlegungen zu Anspruchsstruktur untermauern. Es zeigt sich aber auch, dass die Ansprüche verschiedener Gruppen nur latent vorhanden sind, somit nicht in jedem Fall zu Problemen führten und darum die individuellen Prozesse nicht in jedem Bereich einer externen Unterstützung bedürfen.

 

Die aufgrund dieser Erkenntnis entwickelte Heuristik schlägt vor, den Nachfolgeexistenz-gründungsprozess ab einem möglichst frühen Zeitpunkt zu begleiten. Dabei ist ein Prozessberater als Koordinationsinstanz zu wählen, der die Situation in den einzelnen Phasen analysiert und aus einem Beratungsnetzwerk, je nach Bedarf, einzelne Spezialberater als Ergänzung für die als beim Existenzgründer, aber auch beim Übergeber fehlend eingestuften Kompetenzen hinzuzieht. Für diese Koordinationsinstanz ist eine enge Kooperation mit Bildungseinrichtungen wie Universitäten, Fachhochschulen oder Meisterschulen, sowie Vereinigungen und Vertretungen von Unternehmen, wie Industrie und Handels- oder Handwerkskammern zu fordern, um so den frühzeitigen Einstieg zu ermöglichen und bestmögliche Beratungseffekte zu erzielen.